Vorwort »All die großen Namen, mit denen man Tugenden und Laster be- legt, erwecken im Geiste eher verwirrte Gefühle als klare Gedan- ken.« Trotz Malebranches strengem Urteil über das moralische Vokabular der Antike und des Mittelalters1 hat die zeitgenössische Philosophie den Weg zurück zu einer Theorie der Tugenden gefun- den2 – vielleicht auch, weil sie ohnehin weniger von der Durchläs- sigkeit der menschlichen Existenz für »klare Gedanken« überzeugt ist. Doch während die Moral bleibt, geraten Tugenden außer Mode; und man kann nicht sagen, dass die Klugheit heute allgemein be- wundert und philosophisch gefeiert würde, auch wenn sie immer noch für einen Ratschlag gut ist. Im Register einer zeitgenössischen Abhandlung über die Tugenden wird man sie vergeblich suchen. Und ein Autor, dessen Verständnis für Kardinaltugenden dem für sprachlichen Wandel in nichts nachstehen dürfte, hält es für ange- brachter, die Klugheit aus seinem Vokabular zu streichen, als dem heutigen Leser zu erklären,