eBooks from Elfriede Billmann Mahecha, Alexander Kochinka, Carlos Kölbl, Robert Montau und Jürgen Straub
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Handlung Kultur Interpre...
Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
5 Vorwort Für den Themenschwerpunkt Gedächtnisforschung disziplinär des vorliegen- den Heftes konnten als Gastherausgeber Nicolas Pethes und Jens Ruchatz ge- wonnen werden, bei denen wir uns für die reibungslose und verläßliche Zu- sammenarbeit herzlich bedanken. Die versammelten Beiträge beleuchten das faszinierende und gerade in jüngster Zeit vielfältig diskutierte Forschungs- und Theoriebildungsfeld »Gedächtnis« aus ganz unterschiedlicher fachlicher Perspektive und bieten so in ihrer Gesamtheit nicht weniger als einen um- fassenden und die Grenzen einzelner Disziplinen überschreitenden Überblick über den diesbezüglichen Stand der Forschung – über Erträge, Desiderate und aussichtsreiche Fragestellungen. Nähere Informationen darüber wie über den Inhalt der einzelnen Aufsätze bietet die folgende ausführliche Einleitung der Gastherausgeber. In unserer regelmäßigen Rubrik »Rezensionsaufsätze« behandelt Carlos Kölbl unter dem Titel »Das aktionale Entwicklungspara- digma jenseits subjektseitiger Allmachtsansprüche« eine Veröffentlichung von Jochen Brandtstädter: »Entwicklung – Intentionalität – Handeln«. Kölbl zeichnet hierzu den von Brandtstädter dargelegten Zusammenhang von Hand- lung, Entwicklung und Kultur nach und
(2003)
Handlung Kultur Interpre...
Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
197 Vorwort Die Rezeption und Diskussion von Günther Anders’ Werk bildet in den letz- ten Jahren und Jahrzehnten einen zwar schmalen, aber durchaus fortlaufen- den Pfad. Günther Anders wird beispielsweise in der Philosophie, den Lite- raturwissenschaften und den politischen Wissenschaften aus fachspezifischer wie aus inter- und transdisziplinärer Sicht nach wie vor zugetraut, Anstöße zu geben: etwa zu Diskussionen zum Verhältnis von Mensch und Technik oder zu Fragen der Anschlußfähigkeit von Phänomenologie und Existenzialontologie an aktuelle philosophische Debatten der Diskurstheorie und des Postmoder- nismus. Ein gesteigertes Interesse ist darüber hinaus auch an eher wissen- schaftshistorischen Rekonstruktionen bzw. komparativen Analysen zu ver- zeichnen, die etwa dem Verhältnis von Günther Anders und Walter Benjamin, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno oder – wie im vorliegenden Heft – Georg Simmel und Hans Jonas nachgehen. Freilich muß man dennoch kon- statieren, daß eine weitreichende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der ganzen Fülle des Andersschen Denkens nach wie vor
(2003)
Handlung Kultur Interpre...
Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
5 Vorwort Kaum ein Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnisbemühungen dürfte so vielgestaltig sein – und dementsprechend so verschiedenartige Resultate der- artiger Bemühungen nach sich gezogen haben – wie die Gefühle des Men- schen. Die Beiträge des vorliegenden Themenschwerpunktes Gefühle illu- strieren dies, indem sie ihr Thema aus ganz unterschiedlicher Perspektive behandeln und so einen Eindruck vermitteln von der Weite der Forschungs- landschaft »Gefühle«. Eine erschöpfende Kartierung dieser Landschaft darf freilich nicht erwartet werden – aber ein solcher Atlas der »Sozialwissenschaf- ten vom Gefühl« käme wohl auch mit dem Zehnfachen des Heftumfanges nicht aus. Es geht vielmehr darum, Wegmarken ins Bewußtsein zu rücken, die nicht nur Orientierung stiften, sondern auch einen Eindruck von der an- gesprochenen Weite vermitteln. Den Anfang macht der phänomenologisch orientierte Beitrag von Käte Meyer-Drawe, der unter dem Titel »Antworten der Eingeweide: Ekel. Eine leibphänomenologische Studie« die Spur eines einzigen, gleichwohl starken Gefühls aufnimmt. In den scharfsichtigen Analysen der Autorin
(2004)
Handlung Kultur Interpre...
Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
209 Vorwort Zeitdiagnosen haben Tradition. Sie sind fester Bestandteil der Philosophie und den Wissenschaften. In jüngster Zeit werden Zustand und Zukunft mo- derner Gesellschaften sowie die Verfassung der ihr zugehörigen Menschen allerdings beinahe alle paar Wochen auf einen neuen Begriff gebracht. Die Versuche zu sagen, in welcher Gesellschaft oder Kultur wir »eigentlich leben«, haben sich rapide vervielfacht. Dagegen hat die eingängige Formel, welche modernen Lebensverhältnissen eine »neue Unübersichtlichkeit« attestiert und damit – jedenfalls auf den ersten Blick – auch suggeriert, daß zeitdiagnosti- sche Ambitionen ein schwieriges, vielleicht aporetisches Unterfangen gewor- den sind, nichts ausrichten können. Beträchtliche Probleme beim Versuch, »unsere Zeit« in Gedanken zu fassen, kann man jedenfalls dann erwarten, wenn man unterstellt, daß Zeitdiagnosen nicht nur verstreute Einsichten in Einzelheiten, sondern eine gewisse Übersicht zumindest über wesentliche Züge des fraglichen gesellschaftlichen Lebens anstreben. Dieses Leben soll möglichst in seiner Totalität, repräsentiert durch ein grundlegendes Prinzip, einen »inneren Kern«, einen
(2004)
Handlung Kultur Interpre...
Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
Vorwort Begriffe wie Mißachtung und Verachtung haben – ähnlich wie Erniedrigung, Beleidigung, Entwürdigung, Entrechtung oder Kränkung – in wissenschaft- lichen und politischen Debatten Konjunktur. Solche Begriffe sollen anzeigen, daß gesellschaftliche Umwälzungen in ihrer schädigenden Wirkung auf das Selbstverhältnis der Subjekte nicht immer hinreichend eingeschätzt werden. Mißachtung und Verachtung unterscheiden sich dabei deutlich: Verachtung kommt nicht ohne einen Ausdruck des Mißfallens, der verringerten Wert- schätzung aus, durch den den »Betroffenen« deutlich wird, wie andere sie wahrnehmen. Das Repertoire des Ausdrucks von Verachtung ist entspre- chend vielfältig: Es reicht von physischen Angriffen über Beleidigungen bis zur erklärten Versagung von Lebenschancen. Im Falle von Mißachtung fehlt dagegen bereits die Anerkennung des anderen als ein Subjekt, das es über- haupt wert ist, bemerkt zu werden. Wer mißachtet wird, liegt außerhalb jeder Aufmerksamkeit für seine Bedürfnisse und Interessen. Mißachtung wird nicht durch das Auftreten einer Handlung angezeigt, die dem Mißachteten irgendwie schadet, sondern durch das
(2005)
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Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
199 Carlos Kölbl und Jürgen Straub Geschichtsbewußtsein im Kulturvergleich, interkulturelles Geschichtsbewußtsein. Zur Einführung »So unermeßlich zeigt sich uns das nämliche Volk auf dem nämlichen Landstriche, wenn wir es in verschiedenen Zeiträumen anschauen! Nicht weniger auffallend ist der Unterschied, den uns das gleichzeitige Geschlecht, aber in verschiedenen Ländern, darbietet. Welche Mannigfaltigkeit in Gebräuchen, Verfassungen und Sitten! Welcher rasche Wechsel von Finsternis und Licht, von Anarchie und Ordnung, von Glückseligkeit und Elend, wenn wir den Menschen auch nur in dem kleinen Weltteil Europa aufsuchen!« Aus Friedrich Schillers 1789 erschienener akademischer Antrittsrede »Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?« Problemaufriß Als das Geschichtsbewußtsein als Gegenstand empirischer Forschung ent- deckt war, war es bis zu kulturvergleichenden Studien und der Frage nach einem interkulturellen Geschichtsbewußtsein nicht mehr weit. Ans Ende ge- langt sind diese Bemühungen keineswegs. Sie haben vielmehr noch einen wei- ten Weg vor sich. Seit gut einem Jahrzehnt mehren sich die
(2005)
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Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
5 Elfriede Billmann-Mahecha und Jürgen Straub Handlungstheorie und Kulturpsychologie. Einleitung in den Themenschwerpunkt Handlungstheorien sind in der zeitgenössischen Psychologie so gut wie in allen Teildisziplinen etabliert, von der Allgemeinen Psychologie über die Sozial-, Persönlichkeits- und Entwicklungspsychologie bis hin zu den an- wendungsorientierten Forschungsprogrammen, wie zum Beispiel in der Kli- nischen Psychologie und Psychopathologie oder der Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie. Überall finden sich handlungstheoretische An- sätze und darauf sich stützende Forschungsprojekte.1 Die Entwicklung von Handlungstheorien, die in einer langen, nämlich in der von Aristoteles be- gründeten Tradition steht, und die in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahr- hunderts, also in der Zeit der sogenannten »kognitiven Wende« der Psycho- logie, eine unmittelbare Vorgeschichte hat, ist bis heute unabgeschlossen. Die aristotelische Unterscheidung zwischen πρáξιζ (práxis) und ποíεσιζ (poíesis) lebt in zahlreichen Unterscheidungen fort. Wir alle kennen Ver- hältnisse und Beziehungen zwischen Menschen – einschließlich der Art und Weise, in der sich
(2006)
Handlung Kultur Interpre...
Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
209 Vorwort Der Themenschwerpunkt der vorliegenden Ausgabe von Handlung Kultur Interpretation steht unter dem Titel Literaturanalysen. Die Literatur, auf die sich die Analysen dabei richten, könnte kaum unterschiedlicher sein, was Ent- stehungszeit oder Genre betrifft: Zum einen handelt es sich um eine biblische Erzählung, zum anderen um eine Kurzgeschichte von Ernest Hemingway. Beginnen wir mit der letzteren, zu der wir sogar zwei konkurrierende Inter- pretationen vorstellen können. Zunächst stellt Hans-Dieter König unter dem Titel »Hochzeit als männ- liches Initiationsritual. Psychoanalytisch-tiefenhermeneutische Rekonstruk- tion einer Kurzgeschichte von Ernest Hemingway« seine Deutung der short story »Wedding Day« vor. Methodisch orientiert sich König dabei an der auf Lorenzer zurückgehenden Tiefenhermeneutik, deren zentrale Leitlinien er ein- leitend charakterisiert. Die szenische Interpretation, die an den Irritationen der Leserinnen und Leser ansetzt, erweist dabei als zentrale latente Sinngehalte des Textes die Angst des Mannes vor der Frau und den resultierenden männ- lichen Kampf gegen das Weibliche. In
(2006)
Handlung Kultur Interpre...
Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
5 Cornelia Siebeck Geschichte und Gegenwart im Dialog sozialer Identitäten. Zur Einführung in den Themenschwerpunkt [I]f the men of all countries, of all conditions and faiths can so easily be transformed into butchers, if fanatics of all kinds manage so easily to pass themselves off as defenders of identity, it’s because the »tribal« concept of identity still prevalent all over the world facilitates such a distortion. It’s a concept inherited from the conflicts of the past, and many of us would reject it if we examined it more closely. But we cling to it through habit, from lack of imagination or resignation, thus in- advertently contributing to the tragedies by which, tomorrow, we shall be genuinely shocked. Amin Maalouf (2003, S. 29) Identität, »kollektive Identität« und »kollektives Gedächtnis« Das Problem, das Amin Maalouf zu Beginn seines Essays In the Name of Identity. Violence and the Need to Belong hervorhebt, nämlich
(2007)
Handlung Kultur Interpre...
Zeitschrift für Kultur- und Sozialwissenschaften
219 Cornelia Fischer und Jana Grothe Interkulturelle Kommunikation in der Gesundheitsversorgung: Konturen eines Praxis- und Forschungsfeldes 1. Einleitung Wenn Gesundheit und Krankheit zum Thema werden, müssen sich Mi- granten1 in Deutschland zum Einen mit einer ungewohnten institutionellen Situation auseinandersetzen. Zum Anderen werden sie mit unterschiedlichen, kulturell gebundenen Konzepten von Gesundheit und Krankheit sowie ent- sprechenden Praxen konfrontiert. Die folgenden Überlegungen nehmen diese Voraussetzungen auf. Sie werden von einem deutschen Blickwinkel aus an- gestellt: Wir beschäftigen uns in erster Linie mit deutschen Institutionen, Akteuren und Praxen, die mit Fremden und Fremdheit (zum Fremdheits- begriff C. Albrecht 2003 und 1997a) in Berührung kommen. Der nationale Blickwinkel ist jedoch lediglich eine Krücke, die nicht darüber hinweg- täuschen kann, dass es sowohl in der Praxis als auch in der Forschung nicht um national fixierbare Phänomene geht. Fremdheit sowie interkulturelle Kom- munikation in der Gesundheitsversorgung muss nicht an die Migration von Personen gekoppelt sein. So
(2007)

